Ich bin natürlich modern und weltoffen. Oder zumindest war ich davon überzeugt, bis mich meine Freundin Steffi auf ein Wochenende bei ihr am Campingplatz eingeladen hat. Erst zuletzt, als ob sie das Detail einfach vergessen hätte, hat sie ganz beiläufig hinzugefügt: es ist ein FKK-Campingplatz.
FKK ­– das bedeutet Freikörperkultur. Google sagt mir dazu, bei der Kultur des Nacktseins gehe es keineswegs um die Sexualisierung des Körpers, sondern um die Freude am Kontakt mit der Natur. Back to the roots, sozusagen. Das kann ich verstehen und unterschreiben. Wie gesagt, ich bin modern und weltoffen. Ob und wie sich Menschen kleiden, ist mir egal. Theoretisch.
Als mich Steffis Vater am Campingplatz begrüßt, mir die Hand gibt und mich freundlich anlächelt, bin ich abgelenkt. Mein einziger Gedanke ist „schau ihm in die Augen, schau ihm in die Augen!“.

Wir sitzen gemütlich auf Campingstühlen. Ich bin vollkommen bekleidet und fühle mich irgendwie unwohl. Schäme ich mich dafür, etwas anzuhaben, während alle anderen nackt sind? Eigentlich sind sie nicht vollkommen nackt. Die meisten tragen Schuhe, einige einen Sonnenhut. Aber untenrum pfeift bei meinen neuen Bekannten der Wind durch.
Als ein älterer Herr mit dem Fahrrad vorbeifährt, kann ich mich nicht mehr beherrschen und starre wohl unverhohlen. Seine Weichteile liegen auf dem Sattel des Fahrrads auf und baumeln von rechts nach links und wieder zurück. Fröhlich winkt er unserer Runde zu, alle grüßen.

Mein Landsmann, der österreichische Schriftsteller Richard Engländer (als Peter Altenberg bekannt), sagt dazu:
Es gibt nur eine Unanständigkeit des Nackten…
Das Nackte unanständig zu finden!

Als Opfer von schamhafter Kultur und verklemmter Erziehung bin ich noch lange nicht von meiner eigenen Prüderie geheilt. Bevor ich selbst den Nacktivitäten nachgehe, wird noch etwas Zeit vergehen.